Prof. Dr. Uta König von Borstel
Professur für Tierhaltung und Haltungsbiologie
FB09 - Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement
Justus-Liebig-Universität Giessen (JLU)
JLU Uni Hochschule 171122
Foto: Rolf K. Wegst Experten im Fokus

von Christine Felsinger/GWP

Uta König von Borstel leitet die Professur für Tierhaltung und Haltungsbiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen – und kann 100 Kilometer weiter in der Praxis studieren, wie Pferde und Kühe sich unter ihresgleichen verhalten. Die Wissenschaftlerin ist auf dem Bauernhof im hessisch-ländlichen Malsfeld zuhause, wo es im Offenstall unter ihren Stuten und Hengsten nicht nur beschaulich zugeht. „In der Herde gibt es natürlich auch bei mir mal Zoff, und im Haltungsumfeld oder im Training klappt auch öfter was nicht – wie bei allen Reitern.“ Was den unschlagbaren Vorteil hat, dass Forscherin König daraus zusammen mit ihren Studenten direkt eine neue Studie entwickeln kann.

„Wir überlegen immer, wie es besser gehen könnte, denn uns treibt das persönliche Interesse am Pferd“

95 Prozent der Pferdeforscher sind selbst Reiter und Pferdehalter, schätzt Uta König von Borstel. Auch das ist mit ein Grund, weshalb die angewandte Pferdeforschung, also die Forschung mit unmittelbarem praktischem Nutzen, in Deutschland verbreiteter ist als die Grundlagenforschung. „Grundlagenforschung ist meist viel teurer, und Gelder sind für die Pferdeforschung ja sehr schwierig zu bekommen. Außerdem kann man nicht immer sofort einen Nutzen aus den Ergebnissen ziehen. Und der Nutzen ist doch wichtig, wenn es um das Tierwohl geht.“

Tierwohl, freie Bewegung, Beschäftigung: Das ist praxisrelevant

Das Tierwohl, freie Bewegung, ausreichend Beschäftigung: Das ist ihr Lieblings-Forschungsthema in allen Spielarten. Ob es um Trainingsmethoden geht, die Pferden mehr schaden als nutzen, um den Vergleich zwischen einfach und doppelt gebrochenen Trensen oder um objektive Kriterien, wie Richter das Interieur von Pferden korrekt beurteilen: Verhaltensforscherin Uta König von Borstel bearbeitet hoch praxisrelevante Fragestellungen zusammen mit ihren Studenten.

Weil viele Faktoren zusammenspielen beim Einfluss von Haltung und Training auf das emotionale Wohlbefinden des Pferds, sind Versuche in diesem Bereich oft ziemlich komplex. Gerade das reizt die Wissenschaftlerin. „Man kann relativ schnell feststellen, ob ein Pferd körperlich gesund ist oder in welcher Einstreu es länger und lieber liegt. Aber knifflig wird es, wenn ich wissen will: Macht es dem Pferd psychisch etwas aus, wenn die Tränke höher oder niedriger montiert ist? Oder wenn es sich selten hinlegen kann?“

Wie viel Training ist nötig, damit das Pferd lernt?

Zur Zeit betreut sie eine Bachelorandin, die sich damit beschäftigt, wie häufig man Trainingseinheiten wiederholen sollte, damit das Pferd am besten lernt. „Wir haben konkret geschaut: Macht es einen Unterschied, wenn Pferde täglich oder nur jeden dritten Tag trainiert werden?“ Das Ergebnis: „Gleich gut. Man kann sich also viel Zeit und unter Umständen auch Stress sparen, wenn man das weiß“, verrät die Forscherin, die natürlich gleich weiterdenkt: „Was passiert an den beiden trainingsfreien Tagen zwischen den Intervallen? Verbessert sich das Ergebnis, wenn man zum Ausgleich etwas anderes übt? Oder sollte man dem Pferd einfach nur eine Pause gönnen? Dabei müssen wir nicht nur das Lernen berücksichtigen, sondern etwa auch, wie Muskeln auf das Intervall-Training reagieren.“

Gestreifte Fliegendecken: Aus Pferdeforschung wird Bestseller

Für Reiter sind das spannende Fragen – auch wenn jeder Praktiker weiß, dass man am besten abwechslungsreich trainieren und Pferde weder über- noch unterfordern sollte. „Aber was heißt das denn genau? Das weiß man noch nicht“, so König von Borstel, die beobachtet, dass es eher die privaten Pferdehalter und Reiter sind, die sich für solche Erkenntnisse interessieren – und bereit sind, ihr eigenes Verhalten zu ändern. „Nur dann profitiert auch das Pferd von unserer Forschung.“ Auch die Industrie ist durchaus bereit, wissenschaftliche Erkenntnisse für die Vermarktung von Produkten zu nutzen. „Ein gutes Beispiel dafür sind die Fliegendecken mit Zebrastreifen, die man heute überall sieht – Reaktion der Hersteller auf Studien, die gezeigt haben, dass bestimmte Insekten (die es hierzulande allerdings gar nicht gibt) solche Streifenmuster weniger häufig anfliegen.“

Oft weniger zugänglich und einsichtig sind Profi-Sportler, die eindeutig pferdeschädliche Techniken anwenden. Sie sind ja hocherfolgreich mit ihren aktuellen Methoden, weshalb wohl der Anreiz gering ist, etwas zu ändern. Das Stichwort Hyperflexion ist für Uta König von Borstel, die sich seit Jahren stark gegen Rollkur-Reiten engagiert, deshalb ein Reizwort:

„All unsere Studien zeigen definitiv, dass Hyperflexion den Pferden psychisch und körperlich schadet“

„An der Basis konnten wir viel Aufmerksamkeit auf das Thema lenken und das Wissen darüber gut verankern. Auf nationalem Niveau Klasse A und L strafen Richter das Rollkur-Reiten ab. Aber im großen internationalen Turniersport wird Rollkur mit guten Noten belohnt, was dazu führt, dass heute mehr Dressurpferde so geritten werden als noch in den 1990er Jahren.“ Woran das liegt? „Die Verantwortlichen definieren ja ihre eigenen Regeln, das ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Da wird neuneinhalb Minuten Rollkur geritten auf dem Abreiteplatz, kurz die Zügel lang gelassen, dann fängt man wieder an.“

Fazit: Die Dressurbewertung muss sich ändern!

Was tun? „Ein komplettes Umdenken in der Dressurbewertung müsste erfolgen. Mit Blickschulung beim Publikum, mit Richterschulung. Und es wäre wichtig zu wissen: Wo liegt wenn eigentlich der Vorteil, wenn der Reiter Rollkur reitet: Hat er mehr Kontrolle übers Pferd? Geht es vermeintlich ausdrucksstärker?“

Die Mühlen mahlen langsam im Traditionssport Reiten. „Für die Pferde wäre es schön, wenn es schneller ginge, aber der Mensch ist zu sehr Gewohnheitstier. Und er hat immer Argumente, warum er etwas gerade nicht ändern kann: Mal ist es zu kalt, um im Stall was zu reparieren, mal hat man zu wenig Geld oder zu wenig Zeit.“ Als Teilerfolg wertet die Forscherin, dass sich inzwischen fast überall herumgesprochen hat, dass die Reiterhilfen reine Lernsache sind. „Wenn wir dem Pferd nicht beigebracht haben, wie es auf den Schenkel reagieren muss, dann wird es diese Reaktion nicht zeigen. Noch vor wenigen Jahren behaupteten viele Reitlehrer ja noch, dass ständig treibend eingewirkt werden muss und die Schenkelhilfe beim Pferd eine reflexhafte Reaktion hervorruft, wenn sie nur an der richtigen Stelle erfolgt.“

Über das GWP-Vorstandsmitglied

Uta König von Borstel studierte Pferdeverhalten und Pferdezucht an der Universität im kanadischen Guelph, in Island und Schweden. 2008 kehrte sie zurück nach Deutschland, lehrte zunächst Pferdewissenschaften an der Universität Göttingen und ist heute Leiterin der Professur für Tierhaltung und Haltungsbiologie an der Justus-von-Liebig-Universität Gießen. Unter anderem hat sie die Internationale Gesellschaft für Pferdesportwissenschaften (ISES) mit gegründet und ist Mitglied der Arbeitsgruppe Tierschutzplan Niedersachsen, im Fachbeirat Tierschutz und Ethik der Vereinigung für Freizeitreiter und -fahrer und  Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft ums Pferd e.V. Ihre Forschungsschwerpunkte: Tierhaltung, -verhalten und -wohlbefinden, das Zusammenspiel von Tier, Mensch und Technik, die Interaktion von Pferd und Reiter, besonderes unter Aspekten der Stressphysiologie und die Tiergerechtheit von Haltungssystemen. Ihr zweiter Forschungsbereich ist Pferdezucht und Genetik.

Kontakt: uta.koenig@agrar.uni-giessen.de


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