Allgemein / Events / Neues aus der Pferdeforschung
Die EAAP (Europäische Vereinigung für Tierwissenschaften) führt jährlich einen großen europäischen Kongress durch. Im September 2026, von der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ) organisiert, war zum ersten Mal Hamburg an der Reihe.
Für den Zuchtexperten und GWP-Ehrenvorsitzenden Dr. Ludwig Christmann, der im Landkreis Verden lebt, war es daher Ehrensache, den Kongress mit rund 2000 Teilnehmern aus 45 Ländern zu besuchen und für die GWP darüber zu berichten. Hier ist sein Überblick über die vorgestellten Themen, die in Europa aktuell zum Pferd erforscht werden.
SNP-Chips stark gefragt
Gleich am ersten Tag gab es eine Pferdesession mit elf Vorträgen zu Züchtungsfragen. Dabei war festzustellen, dass in vielen Ländern zu dem Thema SNP (Single Nucleotide Polymorphism) geforscht wird. Schon vor mehreren Jahren wurde in Deutschland entschieden, dass die Kennzeichnung von Fohlen von einem „normalen“ Mikrochip auf diese Basis gestellt wird. Eine richtige und wichtige Entscheidung!
Frankreich: Armelle Govignon (IFCE) stellte vor, wie mithilfe von SNP Chips 60K die Häufigkeiten bekannter Gene bei französischen Pferden bestimmt werden.
Anne Ricard (INRAE), eine anerkannte Persönlichkeit der Pferdeforschung in Frankreich, untersuchte die Erblichkeit der Rennleistung von Vollblütern in Frankreich unter verschiedenen Bahnbedingungen.
Niederlande: Lian Van De Goor, VHL Genetics, stellte in Zusammenarbeit mit Agriplex Genomics, USA, vor, wie die Kennzeichnung von dem bisher gängigen Verfahren Simple Tandem Repeats (STR) in einigen Stutbüchern auf das SNP Verfahren umgestellt wurde. Dadurch wurde neben der Pferdeidentifikation auch das Genotyping ermöglicht. Betroffen sind vor allem kleinere Stutbücher. Mira Schoon beleuchtete die genetische Vielfalt in verschiedenen niederländischen Stutbüchern und wie sich der Inzuchtgrad darstellt.
Schweden: Paulina Berglund (Universität Uppsala) präsentierte eine Studie zum Inzuchtgrad einer Kaltblut-Traber-Rasse, bei deren Zucht Schweden und Norwegen eng zusammenarbeiten.
Spanien: Isabel Cervantes (Universität Madrid) stellte in Zusammenarbeit mit dem spanischen Araberverband ein Zuchtprogramm für Distanzpferde vor.
Houssemeddine Srihi (Universität Saragossa) untersuchte mithilfe von SNPs die Fruchtbarkeit bei Pura Raza Española (PRE) Pferden in Spanien. Er stellte die These auf, dass die starke Ausrichtung der PRE-Zucht auf die Disziplin Dressur die Fruchtbarkeit beeinträchtigt hat, fand jedoch Stuten, die sowohl Dressurtalent als auch gute Fruchtbarkeit zeigten. Ziel ist es, diese Aspekte in der Dressurpferdezucht in Spanien verstärkt zu berücksichtigen.
Deutschland: Paula Reich (Universität Göttingen) war für ihre Arbeit zur Größenvererbung mittels genomischer, also SNP-Daten von der GWP bereits im Frühjahr ausgezeichnet worden. In Hamburg präsentierte sie die Weiterentwicklung dieses Themas unter dem Titel „Die Größe macht den Unterschied“.
Alexandra Weigt (ebenfalls Universität Göttingen) präsentierte Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit zur „Inter- und Intra-Rater Reliability“ der linearen Beschreibung in der Warmblutzucht. Sie stellte gravierende Unterschiede fest, wenn Beauftragte der Pferdezuchtverbände ihre Beschreibungen wiederholten, und sah Bedarf an Schulungen.
Ebenfalls zwei Beiträge gab es vom VIT Verden (Verden Institute for Animal Breeding): Genomische Zuchtwertschätzung „Höchste erreichte Klasse“: Mirell Wobbe stellte das Modell einer genomischen Zuchtwertschätzung für das Merkmal „Höchste erreichte Klasse“ vor, das Leistungen von Nachkommen eines Hengstes in verschiedenen Turnierklassen der beiden Disziplinen Dressur und Springen analysiert. Sie zeigte eine große Übereinstimmung mit der existierenden herkömmlichen Zuchtwertschätzung für dieses Merkmal.
Spezialisierung und Zuchtwerte: Kathrin Stock untersuchte, wie sich die Spezialisierung auf Dressur und Springen auf genomische Zuchtwerte für Exterieur, Grundgangarten und Springveranlagung in Deutschland auswirkt. Unterschiede des Exterieurs zwischen Dressur- und Springpferden können durchaus durch diese Zuchtwertschätzung belegt werden.
Das europäische Pferdeprojekt
Auf dem EAAP-Meeting ging es allerdings nicht nur um die Zucht. Weitere Fragen rund ums Pferd wurden in vier weiteren Sessions mit zahlreichen Vorträgen und noch mehr Postern aufgegriffen. Ein ganzer Vormittag wurde dem anspruchsvollen Projekt EUnetHorse reserviert. Wie der Name vermuten lässt, geht es um ein EU-gefördertes internationales Netzwerk zum Thema Pferd.
Zu den Referentinnen gehörte Prof. Dr. Uta König von Borstel, Mitglied des GWP-Vorstandes und verantwortlich für den deutschen Beitrag zu diesem Projekt, in dem es darum geht, in neun europäischen Ländern – Frankreich, Portugal, Spanien, Belgien, Deutschland, Rumänien, Polen, Finnland, Schweiz – die Widerstandsfähigkeit von Pferdebetrieben zu stärken. Dazu wird ein aktives Netzwerk in diesen Ländern aufgebaut, mit einem Wissensaustausch zu den Themen sozioökonomische Leistungsfähigkeit, Krisenvorsorge, Tierschutz und Tiergesundheit sowie ökologische Nachhaltigkeit und einem Pool von Ausbildern und Beratern. Ein Workshop, dessen Ergebnisse allerdings nicht vor Ort ausgewertet werden konnten, rundeten dieses Thema ab.
Pferdezucht aus der ganzheitlichen Perspektive
„Die Pferdezucht aus einer ganzheitlichen Perspektive neu überdenken“ – das war der anspruchsvolle Titel der Session 66. Alle Vorträge zu diesem Thema kamen aus Frankreich, was zeigt, dass unser Nachbarland zum Thema Pferd sowohl in der Praxis als auch in der Theorie sehr gut aufgestellt ist.
Von der Universität Montpellier stammte ein Beitrag zum Thema Pferdewohl. Es wurden 12 Interviews mit sechs Reitlehrern und sechs Rennpferdetrainern durchgeführt, also ausgewiesenen Experten. Ergebnisse: Es wurde klar, dass der Begriff Pferdewohl noch nicht klar genug definiert ist. Wichtig erschien es den Experten, dass man das Thema nicht schematisch begreift, sondern dass es eine „Wissenschaft des Einzigartigen“ ist – denn jedes Pferd ist ein Individuum und die Situationen sind nicht immer gleich. Die befragten Experten waren sich darin einig, dass die öffentlichen Debatten häufig übertrieben, vielschichtig und zu polemisch sind. Sie glauben, dass sich die öffentliche Wahrnehmung verbessern würde, wenn Menschen den Alltag rund ums Pferd beobachten würden.
Zwei weitere Vorträge stammten von dem Institut de l‘ Élevage in Paris, einem Institut für angewandte Forschung und Entwicklung, vor allem für die Zucht von Rindern, Schafen, Ziegen und Pferden, aber auch für wirtschaftliche Fragen und Wertschöpfungsketten. Im ersten Vortrag wurde das INOSYS Online-Portal vorgestellt, das frei zugängliche Fachliteratur zum Thema Pferd bietet. Hintergrund ist die Tatsache, dass auch Pferdebetriebe aktuelle technische und wirtschaftliche Vergleichsdaten benötigen, um Entscheidungen zu treffen. Auf dem Portal finden sich drei Systembeispiele für Reitschulen sowie zwei weitere Fallbeispiele für jeweils einen Turnierstall und einen Traberstallpunkt.
Im zweiten Vortrag hieß der Titel: „Produktionskosten: ein Managementinstrument für Pferdebetriebe“. Im Vortrag wurde dargestellt, wie die Produktionskosten im Pferdesektor ermittelt werden. Erste Berechnungen wurden für sechs unterschiedliche Betriebsformen durchgeführt: Reitschulen, Turnierstelle, Pensionsställe, Trabrennställe, Pferdekutschenverkehr, Fahrsport. Zu diesen ökonomischen Fragen passte auch ein Poster von der Universität Montpellier, in dem es einen Überblick zu ökonomische Fragen zum Pferdetourismus in Frankreich gab.
Session 67 hatte die Überschrift: „Beziehung zwischen Mensch und Tier: Umgangsmethoden und Tierwohl bei Pferden und landwirtschaftlichen Nutztieren“. Verkehrslärmbelästigung verändert das Verhalten von Pferden auf der Weide – das war das Thema einer Arbeit von der Justus-Liebig-Universität Gießen und dem Forschungsinstitut für Nutztierbiologie in Dummerstorf. Unterm Strich kam man zu dem Ergebnis, dass die Belastung durch ständigen Verkehrslärm das Wohlergehen in Weidesystemen beeinträchtigen kann und dass Lärmschutzwände durchaus sinnvoll sind.
Von der Universität Kopenhagen (Dänemark) wurde diese Studie präsentiert: „Konfliktverhalten und potenziell „positives“ Verhalten bei Pferden, die in ihrer gewohnten Umgebung in einem Training auf niedrigem Niveau geritten werden.“ Also auch hier spielte das Tierwohl eine Rolle.
„Innovationen bei der Fütterung und dem Management von Pferden“ – dies ist die Überschrift zu Sitzung 95, die fünf Vorträge und ebensoviele Poster zu diesem Thema beinhaltete. Diese Arbeiten seien erwähnt:
- Nutzung von Schatten durch grasende Pferde: Dieses Thema wurde erneut von IFCE in Frankreich vorgestellt.
- Alterung der Verdauungsfunktion bei Pferden: Ein gemeinsamer Vortrag von Lab To Field Dijon (Frankreich) und der STR Stiftung in Egg bei Zürich befasste sich mit der Suche nach einem entscheidenden Alterszeitpunkt für die Alterung der Verdauungsfunktion. Obwohl die mittlere Resorptionszeit eine Rolle spielte, konnte kein entscheidender Durchbruch erzielt werden. Es wurde jedoch vorgeschlagen, die Forschung durch die Verwendung spezifischerer Marker zu vertiefen.
- Chicoree als Pferdefuttermittel gegen Parasiten: Eine Untersuchung aus Frankreich erforschte die Wirkung von Chicoree. Die Ergebnisse zeigten, dass die Pflanze zwar die Fruchtbarkeit von Nematoden verringert, aber auch erhebliche Verschiebungen in der Darmmikrobiota und den Wirtsreaktionen hervorruft. Die Gesamtauswirkung wurde daher nicht unbedingt als vorteilhaft angesehen.
- Tränkewasserhygiene für Pferde: Unter den Postern dieser Sitzung präsentierte Maira Sofie Wiese ein Poster zu diesem Thema. Es basierte auf ihrer von der GWP geförderten Masterarbeit an der Universität Bonn.
Empfohlene Beiträge

„Pferde für unsere Kinder“: Symposium zur Zukunft von Kinderreitschulbetrieben
26 Sep. 2026 - Allgemein, Events, Neues aus der Pferdeforschung

